Die verborgene Seite fossiler Energie
Wer an den Energieverbrauch im Verkehr denkt, hat meist das sichtbare Bild vor Augen: Autos an der Zapfsäule, Motoren auf der Autobahn, Abgase aus dem Auspuff. Doch ein erheblicher Teil der Energie, die unser Mobilitätssystem benötigt, steckt in Prozessen, die im Hintergrund ablaufen – unsichtbar, aber mit deutlicher Wirkung auf Stromsystem, Klimabilanz und Kosten. Genau hier liegt eine der meist unterschätzten Wahrheiten: Auch klassische Verbrennerfahrzeuge „fahren“ in erheblichem Maß mit Strom, lange bevor der erste Tropfen Diesel oder Benzin im Motor ankommt. In diesem Beitrag schauen wir uns diesen versteckten Energiebedarf genauer an – mit Fokus auf Ölpipelines – und setzen ihn in Relation zur Elektromobilität.
Wie Öl wirklich zu uns kommt
Rohöl wirkt auf den ersten Blick wie ein perfekter Energieträger: hohe Energiedichte, gut lagerbar, weltweit etabliert. Was dabei leicht in Vergessenheit gerät: Zwischen Ölfeld und Zapfsäule liegt eine hochkomplexe und energieintensive Infrastruktur. Bevor Diesel oder Benzin im Tank landet, wurde das Rohöl gefördert, über weite Strecken transportiert, raffiniert, erneut verteilt und schließlich an die Tankstelle gebracht. Ein zentraler, im Alltag unsichtbarer Baustein sind dabei Fernleitungen, die das Rohöl per Pipeline über Hunderte bis Tausende Kilometer verschieben.
Ölpipelines sind keine passiven Rohre
Pipelines werden gerne als besonders effiziente Transportlösung dargestellt – und tatsächlich benötigen sie im Vergleich zu Tankern, Lkw oder Bahn je transportierter Tonne oft weniger Energie. Das ändert jedoch nichts an einer grundlegenden Tatsache: Eine Ölpipeline ist ein industrielles Dauerbetriebssystem, das nur mit permanent eingespeistem Strom funktioniert. Entlang der Trassen stehen in regelmäßigen Abständen Pumpstationen, die das hochviskose Medium über große Distanzen unter Druck in Bewegung halten müssen. In europäischen Rohölpipelines arbeiten dafür Elektromotoren mit Leistungen im Bereich von rund 1,5 bis über 2 Megawatt pro Aggregat, oftmals gleich mehrere pro Station und oftmals im 24/7-Betrieb.
Ein greifbares Beispiel liefert die Südeuropäische Pipeline, die Öl vom Hafen Marseille über mehr als 700 Kilometer in das Rhein-Neckar-Gebiet transportiert und mehrere Raffinerien versorgt. In ihren Pumpstationen kommen Dutzende Kreiselpumpen mit Motorleistungen zwischen etwa 1.650 und 2.200 Kilowatt zum Einsatz, insgesamt 34 Stück, die zusammen einen mittleren Leistungsbedarf im zweistelligen Megawattbereich verursachen. Diese Anlagen laufen nicht nur in Verbrauchsspitzen, sondern als nahezu konstante Grundlast – ein unsichtbarer, aber dauerhafter Verbraucher im europäischen Stromnetz.
100 GWh Strom pro Jahr – für eine einzige Pipeline
Für die Südeuropäische Pipeline wird ein jährlicher Stromverbrauch von rund 100 Gigawattstunden angegeben. Das entspricht einer mittleren Leistungsaufnahme von etwa 11,5 Megawatt und verdeutlicht, dass hier nicht über Randgrößen gesprochen wird, sondern über einen nennenswerten industriellen Energieverbrauch. Bezogen auf den transportierten Ölstrom bedeutet das: Pro Kilowattstunde Strom werden etwa 230 Kilogramm Rohöl durch das System gepumpt, pro Liter Rohöl fallen im Mittel rund 0,004 Kilowattstunden Strom an. Diese Zahlen stammen aus Betreiberangaben und wurden in mehreren technischen Analysen sowie in Energie-Fachartikeln aufgegriffen.
Übertragen auf das gesamte europäische Pipeline-Netz wird deutlich, dass der kumulierte Stromverbrauch für den Rohöltransport in einer Größenordnung liegt, die im öffentlichen Diskurs kaum vorkommt. Deutschland ist an mehrere internationale Trassen angebunden – unter anderem aus dem Mittelmeerraum, Rotterdam, Wilhelmshaven und über die Transalpine Ölleitung – sowie an innerdeutsche Verteilnetze Richtung Raffinerien. Konservative Schätzungen kommen allein für den Pipeline-Transport von Rohöl, das für Deutschland bestimmt ist, auf einige Hundert Gigawattstunden Stromverbrauch pro Jahr, also auf einen Betrag im Bereich von mehreren Zehntel Terawattstunden.
Was diese Strommengen bedeuten
Strommengen im Terawattstundenbereich wirken abstrakt. Greifbar werden sie, wenn man sie mit bekannten Größen vergleicht. Ein Elektroauto benötigt bei einem durchschnittlichen Verbrauch von etwa 17 bis 18 Kilowattstunden pro 100 Kilometer und einer Fahrleistung von 12.500 bis 15.000 Kilometern pro Jahr ungefähr 2.200 bis 2.700 Kilowattstunden Strom jährlich. Nimmt man einen Pipeline-Stromverbrauch von 100 Gigawattstunden als Bezugsgröße, entspricht das dem Jahresbedarf von mehr als 45.000 Elektrofahrzeugen, die jeweils rund 12.500 Kilometer im Jahr zurücklegen.
Skaliert man diese Größenordnung auf mehrere Pipelines und nationale Ölströme, wird klar: Die Strommengen, die das fossile System heute bereits still im Hintergrund verbraucht, reichen aus, um Hunderttausende Elektroautos über ein Jahr zu betreiben. Ähnlich anschaulich ist der Vergleich mit Städten: 0,5 Terawattstunden Strom pro Jahr entsprechen ungefähr dem Jahresverbrauch einer kleineren Stadt mit etwa 20.000 Einwohnerinnen und Einwohnern, je nach Verbrauchsprofil und Versorgungsstruktur. Anders formuliert: Für das reine „Durch-die-Rohre-Pressen“ des Rohöls ließe sich problemlos eine komplette Kommune ein Jahr lang mit Strom versorgen – Strom, der bereits heute im System gebunden ist, lange bevor der erste Liter Diesel verbrannt wird.
Well-to-Tank: Energieaufwand von der Quelle bis zum Tank
In der Energiewirtschaft wird der Aufwand, der von der Primärenergiequelle bis zur Bereitstellung des Kraftstoffs im Fahrzeugtank entsteht, als Well-to-Tank bezeichnet. Bei fossilen Kraftstoffen umfasst diese Betrachtung neben der Pipelineförderung unter anderem die Energiekosten für die Bohrung und Förderung, den Seetransport, die Raffinierung, die Zwischenlagerung und den Transport zur Tankstelle. Studien zeigen, dass bei Benzin und Diesel der Well-to-Tank-Wirkungsgrad typischerweise im Bereich von rund 80 bis 90 Prozent liegt, was bedeutet, dass 10 bis 20 Prozent der eingesetzten Primärenergie bereits vor dem eigentlichen Fahren in der Bereitstellung verloren gehen.
Für den Strombedarf entlang dieser Kette existieren unterschiedliche Abschätzungen, je nach Systemgrenze, Energiemix und technischer Annahmen.
Einige Analysen kommen zu dem Ergebnis, dass pro Liter Kraftstoff im gesamten Leitungs- und Raffinerienetz im Mittel Größenordnungen von mehreren Dutzend bis deutlich über 100 Wattstunden Strom anfallen. Bei typischen Verbräuchen von etwa 6 bis 8 Litern Kraftstoff pro 100 Kilometer summiert sich allein dieser indirekte Stromanteil auf rund 1 Kilowattstunde und mehr pro 100 Kilometer Fahrleistung. Das bedeutet: Verbrennerfahrzeuge beanspruchen bereits heute die Stromnetze – allerdings im Hintergrund, über die fossile Infrastruktur.
Elektromobilität im Vergleich: weniger versteckte Energie
Im Diskurs über die Zukunft des Verkehrs wird häufig der zusätzliche Strombedarf der Elektromobilität betont. Dabei geht häufig unter, dass ein Teil dieses Bedarfs bereits heute indirekt durch das fossile System existiert. Während Elektroautos ihren Strom direkt aus dem Netz beziehen und so die Transparenz des Verbrauchs erhöhen, bezieht der Verbrenner den Strom als „eingepreiste“ graue Energie über den Kraftstoffpreis – unsichtbar für die Fahrerin oder den Fahrer.
Hinzu kommt: Der deutsche Strommix verändert sich kontinuierlich. 2024 lag der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung bereits bei deutlich über der Hälfte und ist nach aktuellen Projektionen auf Wachstumskurs. Damit sinken sowohl die CO₂-Intensität als auch die indirekten Umweltwirkungen der Kilowattstunde, die ein Elektroauto verbraucht. Für fossile Kraftstoffe bleibt hingegen der Grundmechanismus bestehen: Jede zusätzliche Tonne Öl, die gefördert, transportiert und raffiniert wird, benötigt Energie – und ein relevanter Teil davon ist elektrische Energie aus öffentlichen Netzen.
Rechenbeispiel: Pipeline-Strom vs. Fahrleistung
Um die Größenordnung für Sie greifbar zu machen, lohnt sich eine einfache Überschlagsrechnung. Angenommen, ein Land benötigt für den reinen Pipeline-Transport seines Rohöls 0,3 bis 0,5 Terawattstunden Strom pro Jahr. Setzt man ein Elektroauto mit 15.000 Kilometern Jahresfahrleistung und einem Verbrauch von 18 Kilowattstunden pro 100 Kilometer an, ergibt sich ein jährlicher Strombedarf von 2.700 Kilowattstunden pro Fahrzeug. Teilt man 0,3 Terawattstunden, also 300 Millionen Kilowattstunden, durch diesen Wert, könnten rund 110.000 Elektroautos ein ganzes Jahr fahren, allein mit dem Strom, der heute in Pipelines für ein fossiles System gebunden ist. Bei 0,5 Terawattstunden wären es ungefähr 185.000 Fahrzeuge – rein rechnerisch.
Diese Betrachtung ist kein Argument dafür, dass man das bestehende Pipelinesystem einfach abschaltet und die Energie morgen eins zu eins in Ladeinfrastruktur umleitet. Sie zeigt jedoch, dass der vermeintliche „Mehrbedarf“ an Strom für Elektromobilität in Relation zu den bereits heute existierenden versteckten Verbrauchern stehen muss. Ein signifikanter Teil des Stroms, über den in Debatten zu E-Autos gesprochen wird, steckt schon heute im fossilen Hintergrundsystem – bezahlt über den Kraftstoffpreis und kaum wahrgenommen.
Unsichtbare Kosten: Strom, der im Ölpreis verschwindet
Der Strom für Pumpen, Verdichter und Anlagen zur Ölbereitstellung stammt in aller Regel aus dem normalen Stromnetz und unterliegt damit den gleichen Marktmechanismen wie der Strom für Haushalte und Industrie. Ob dieser Strom in Deutschland, in einem Pipeline-Transitland oder in der Nähe eines Hafenstandortes verbraucht wird, spielt für die globale CO₂-Bilanz nur eine untergeordnete Rolle. Entscheidend ist: Er verschwindet nicht, sondern taucht in den Betriebskosten der Infrastrukturbetreiber auf und wird in die Lieferkette eingepreist. Am Ende zahlen Sie diese Energie mit, wenn Sie an der Zapfsäule Diesel oder Benzin tanken – nur ohne, dass sie auf Ihrer Stromrechnung sichtbar wäre.
Für energieintensive Industrien und Verkehrssektoren wird diese Doppelbelastung zunehmend relevant. Während der Strompreis häufig im Zentrum politischer Debatten steht, bleiben die versteckten Stromanteile, die bereits in fossilen Energieträgern enthalten sind, weitgehend unbeachtet. Eine ehrliche Gesamtbetrachtung der Energie- und Klimakosten muss daher auch die Well-to-Tank-Verluste des fossilen Systems vollständig einbeziehen.
Blick nach vorn: Was sich daraus für die Verkehrswende ableiten lässt
Wenn über zusätzliche Terawattstunden für Elektromobilität, Wärmepumpen oder die Elektrifizierung von Industrieprozessen diskutiert wird, lohnt sich ein genauer Blick darauf, wie viel Strom das bestehende fossile System heute schon benötigt – und zwar dauerhaft. Jede Substitution von fossilen Kraftstoffen durch direktelektrische Lösungen verschiebt nicht nur Emissionen, sondern verändert auch die Struktur des Stromverbrauchs: Hin zu klar sichtbaren, steuerbaren und zunehmend erneuerbar gedeckten Lasten, weg von unsichtbaren, in fossile Wertschöpfungsketten eingebetteten Grundlasten.
Für die Praxis bedeutet das: Je schneller der Anteil elektrisch angetriebener Fahrzeuge steigt, desto stärker verschieben sich Energieflüsse von der Öl- zur Strominfrastruktur. Parallel sinkt mittelfristig der Bedarf an Pipeline- und Raffinerieenergie – und damit auch der Anteil des „versteckten Stroms“, der heute im Ölpreis steckt. Flankiert von einem konsequenten Ausbau erneuerbarer Energien, modernen Netzen und flexiblen Lastmanagementstrategien kann so ein Gesamtsystem entstehen, das effizienter, transparenter und klimafreundlicher arbeitet als das status quo fossile System.
Fazit: Zeit, die unsichtbare Energie mitzuzählen
Fossile Energie ist weit mehr als der Sprit, der im Motor verbrannt wird. Sie benötigt bereits auf dem Weg in den Tank erhebliche Energiemengen – darunter signifikante Strommengen für Förderung, Transport und Raffinierung. Ölpipelines mit Stromverbräuchen im Bereich von rund 100 Gigawattstunden pro Jahr sind dabei keine Ausnahme, sondern typische Bausteine einer globalen Infrastruktur, die sich durchgängig auf das öffentliche Stromnetz stützt. Vergleicht man diese Größenordnungen mit bekannten Beispielen wie Elektroautos oder Stadtverbräuchen, wird deutlich, dass ein Teil der aktuellen Stromdebatte zur Elektromobilität bereits im Hintergrund geführt wird – in Form der grauen Energie des fossilen Systems.
Wenn Sie künftig über den Strombedarf der Verkehrswende nachdenken oder entsprechende Diskussionen in Medien und Politik verfolgen, lohnt es sich, eine einfache Frage mitzudenken: Wie viel Strom verbraucht das bestehende System schon, ohne dass wir es sehen – und welchen Spielraum eröffnet es uns, wenn wir diese unsichtbare Energie Schritt für Schritt durch direkte, effiziente elektrische Antriebe ersetzen? Weiterführende Informationen zu Energieaufwand und Emissionen entlang der Kraftstoffkette finden Sie beispielsweise in Fachartikeln zur Well-to-Tank-Analyse sowie in Berichten zur Entwicklung des deutschen Strommixes und der Rolle erneuerbarer Energien.
energiefahrer.de
FAQ zum Pipeline-Stromverbrauch
Was ist der Hauptfaktor für den Stromverbrauch von Pipelines?
Der Hauptfaktor ist die Pumpentechnologie, die für den Transport von Rohöl und anderen Flüssigkeiten notwendig ist. Diese Technologie benötigt kontinuierlich elektrische Energie, um den Fluss aufrechtzuerhalten.
Wie wird der Energiebedarf von Pipelines gemessen?
Der Energiebedarf wird in Kilowattstunden (kWh) gemessen, basierend auf der Pumpenleistung und der Länge der Pipeline. Diese Kennzahlen helfen, den gesamten Energieverbrauch zu erfassen.
Welche Auswirkungen hat der Stromverbrauch in der Ölindustrie auf die Umwelt?
Der Stromverbrauch trägt zu den CO₂-Emissionen bei, insbesondere wenn der Strom aus fossilen Brennstoffen stammt. Eine Reduzierung des Energieverbrauchs kann die Umweltbelastung verringern.
Gibt es Möglichkeiten zur Reduzierung des Stromverbrauchs von Pipelines?
Ja, moderne Technologien und effizientere Pumpensysteme können den Strombedarf erheblich senken. Zudem erleichtert die Optimierung der Betriebsabläufe den Energieeinsatz.
Was versteht man unter versteckten Energieverbräuchen?
Versteckte Energieverbräuche beziehen sich auf den Energieaufwand, der nicht direkt sichtbar ist, aber in der gesamten Lieferkette anfällt. Diese Energieverluste haben einen erheblichen Einfluss auf die Bilanz.
Wie beeinflusst die vorgelagerte Emissionen die CO₂-Bilanz?
Vorgelagerte Emissionen erhöhen die gesamte CO₂-Bilanz eines Produkts. Sie entstehen vor der Verbrauchsstelle und sind oft nicht in den direkten Emissionen enthalten.
Was ist der Well-to-Tank-Ansatz?
Der Well-to-Tank-Ansatz analysiert die gesamte Energie, die benötigt wird, um Kraftstoffe von der Quelle bis zum Tank zu bringen. Dies umfasst sowohl die Förderung als auch den Transport.
Welche Rolle spielt die graue Energie im Kraftstoff?
Graue Energie bezeichnet den gesamten Energieaufwand, der vor der Nutzung eines Kraftstoffs anfällt. Sie ist entscheidend für die Bewertung der Nachhaltigkeit von fossilen Brennstoffen.
Wie können Unternehmen ihren versteckten Stromverbrauch reduzieren?
Unternehmen können ihren versteckten Stromverbrauch durch Effizienzprogramme und den Einsatz erneuerbarer Energien minimieren. Dies führt zu niedrigeren Betriebskosten und geringeren Emissionen.
Wie wird der indirekte Stromverbrauch erfasst?
Der indirekte Stromverbrauch wird durch Lebenszyklusanalysen erfasst. Es berücksichtigt alle Phasen der Energieproduktion und -nutzung. Diese Analysen helfen, den Gesamtenergieaufwand zu verstehen.
