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Carbon Capture: Was das Brevik-Desaster für CCS bedeutet
+ Klimaschutz und Emissionen 9 Min. Lesezeit

Carbon Capture: Was das Brevik-Desaster für CCS bedeutet

Harald M. Depta 16. Juni 2026 Aktualisiert: Juni 2026
Harald M. Depta
Harald M. Depta
Projektmanager & DEKRA-Fachdozent · Photovoltaik, Elektromobilität & Ladeinfrastruktur
Auf einen Blick

Das CCS-Vorzeigeprojekt von Heidelberg Materials im norwegischen Brevik ist die weltweit erste großindustrielle CO2-Abscheideanlage an einem Zementwerk. Geplant waren 400.000 Tonnen CO2-Abscheidung jährlich bei 50 Tonnen pro Stunde. Im ersten Betriebsjahr lag die Leistung bei nur 35 bis 38 Tonnen pro Stunde. Im September und Dezember 2025 gab es Stillstände, zwischen Februar und April 2026 fiel die Anlage zwei Monate vollständig aus. Ursache: mögliche Konstruktionsmängel und undichte Abgasleitungen. Die Zementindustrie verursacht rund sieben bis acht Prozent der weltweiten CO2-Emissionen, davon ist ein großer Teil prozessbedingt und durch erneuerbare Energien allein nicht vermeidbar. Deutschland hat CCS im Januar 2026 gesetzlich freigegeben. Heidelberg Materials plant das Folgeprojekt GeZero in Geseke mit 700.000 Tonnen Jahreskapazität.

CCS in der Zementindustrie: Weltpremiere mit ernüchternder Bilanz

Im Juni 2025 eröffnete Heidelberg Materials im norwegischen Brevik die weltweit erste großindustrielle CO2-Abscheideanlage an einem Zementwerk. Norwegens Kronprinz Haakon und Energieminister Terje Aasland waren vor Ort, als Konzernchef Dominik von Achten das Projekt als Blaupause für ganze Industriezweige pries. Weniger als ein Jahr später zeigt die Realität, wie weit Anspruch und Betrieb auseinanderliegen können. Und das Brevik-Projekt wirft damit eine Frage auf, die weit über einen einzelnen Standort in Norwegen hinausgeht: Ist CCS als Technologie für die Industrie-Dekarbonisierung verlässlich genug, um darauf zu wetten?

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Was CCS leisten soll und was in Brevik tatsächlich passiert ist

Carbon Capture and Storage — kurz CCS — bezeichnet die Abscheidung von CO2 direkt am Entstehungsort, seinen Transport und die dauerhafte geologische Speicherung, in diesem Fall in Gesteinsformationen unter dem Meeresboden der Nordsee. Der Zementkonzern Norcem, eine Tochter von Heidelberg Materials, betreibt das Werk in Brevik. Vor dem Umbau stieß der Standort nach Konzernangaben rund 800.000 Tonnen CO2 jährlich aus. Die neue Anlage sollte davon rund 400.000 Tonnen abscheiden — also die Hälfte. Geplant waren rund 50 Tonnen CO2 pro Stunde. Die tatsächliche Leistung lag im ersten Betriebsjahr jedoch bei nur etwa 35 bis 38 Tonnen pro Stunde. Dazu kamen erhebliche Ausfallzeiten: Im September und Dezember 2025 stoppte die Anlage. Zwischen Februar und April 2026 fiel sie zwei Monate vollständig aus. Als Ursachen nennen Fachleute mögliche Konstruktionsmängel und undichte Abgasleitungen. Heidelberg Materials verweist auf die Hochlaufphase einer neuen Industrieanlage. Dieser Verweis ist nicht unplausibel, erklärt aber nicht die Dimension der Abweichung zwischen Ziel und Ergebnis.

Sicherheitsvorfall in unmittelbarer Wohngebäudenähe

Im September 2025 verlor ein Mitarbeiter das Bewusstsein, nachdem er den Kopf in einen vermeintlich leeren CO2-Tank gesteckt hatte. CO2 verdrängt in hoher Konzentration Sauerstoff, ohne Vorwarnung durch Geruch oder Farbe. Heidelberg Materials stufte den Vorgang als Beinaheunfall ein. Bemerkenswert ist dabei der Standortkontext: Das Zementwerk Brevik liegt direkt angrenzend an Wohnbebauung. Für den geplanten Dauerbetrieb mit verflüssigtem CO2, Drucktanks und Spezialschiffen ist das ein strukturelles Sicherheitsthema, das bei der öffentlichen Debatte über CCS-Skalierung selten ausreichend diskutiert wird.

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Warum CCS für die Zementindustrie dennoch keine Randtechnologie ist

Die Schwächen des Brevik-Projekts berechtigen nicht zu dem Schluss, CCS sei grundsätzlich untauglich. Die Zementindustrie ist für rund sieben bis acht Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich. Der entscheidende Punkt dabei: Ein erheblicher Teil dieser Emissionen entsteht nicht durch Energieverbrauch, sondern durch die Kalzinierung von Kalkstein im Brennprozess — also chemisch, nicht thermisch. Erneuerbare Energien und Effizienzmaßnahmen können die Energieemissionen eines Zementwerks reduzieren, die prozessbedingten CO2-Emissionen jedoch nicht. Der BDEW hält CCS in der Kalk- und Zementindustrie deshalb für alternativlos auf dem Weg zur Klimaneutralität bis 2045. Alternativen existieren, aber sie ersetzen CCS nicht vollständig. Zementrecycling, Beimischung alternativer Bindemittel und Klinkerreduktion können den spezifischen CO2-Ausstoß senken. Weniger Beton verbauen und stattdessen auf Holzkonstruktionen setzen, ist eine weitere Option — aber auf Systemebene keine vollständige Substitution für den industriellen Zementbedarf.

Deutschlands CCS-Gesetz und die Folgen für Scope-3-Bilanzen

Im Januar 2026 hat der Bundestag den gesetzlichen Rahmen für CCS in Deutschland freigegeben. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche präsentiert die Technologie als unverzichtbares Werkzeug für Industrien, in denen Emissionen technisch nicht vollständig vermeidbar sind. Kritiker bezeichnen CCS als teure Ablenkung, die fossilen Geschäftsmodellen Bestandsschutz sichert, statt die eigentliche Ursache anzugehen. Heidelberg Materials plant neben dem britischen Standort Padeswood auch das Projekt GeZero in Geseke, Deutschland, das jährlich 700.000 Tonnen CO2 abscheiden soll — fast doppelt so viel wie Brevik. Ob die technischen Probleme aus Brevik bis dahin strukturell gelöst sind, ist offen. Für Unternehmen, die im ESG-Reporting Scope-3-Emissionen aus eingesetzten Baustoffen bilanzieren, hat das direkte Relevanz. Zement mit CCS-Zertifikat — Heidelberg Materials nennt ihn evoZero — wird als Near-Zero-Produkt vermarktet. Ob die Klimabilanz dieses Zements tatsächlich den Versprechen entspricht, hängt davon ab, wie viel CO2 die Anlage in der Praxis wirklich abscheidet. Bei 35 statt 50 Tonnen pro Stunde und mehrmonatigen Ausfällen ist der Klimavorteil eines solchen Zertifikats zumindest mit einem Vorbehalt zu versehen.

Was die Ernüchterung aus Brevik für die Energiewende bedeutet

CCS ist keine Konkurrenz zu Solar und Wind. Es ist eine Ergänzung für genau die Sektoren, die durch Erneuerbare allein nicht dekarbonisiert werden können. Das Brevik-Projekt zu einem Misserfolg zu erklären wäre verfrüht — Erstanlagen industriellen Maßstabs haben selten eine reibungslose Hochlaufphase. Aber das Narrativ der sofort einsetzbaren, skalierbaren Wunderlösung ist durch die Realität des ersten Betriebsjahres klar korrigiert worden. Für Investoren, Klimapolitiker und Unternehmen mit Net-Zero-Verpflichtungen gilt dasselbe: CCS braucht mehr Zeit, mehr technische Reife und mehr belastbare Betriebsdaten, als die Eröffnungszeremonie von Brevik suggeriert hat. Die Frage ist nicht ob, sondern wann und zu welchem Preis.

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Finanzierung und Tragfähigkeit: Wer zahlt für CCS?

Das Projekt Brevik wurde maßgeblich durch die norwegische Regierung im Rahmen des Longship-Programms finanziert. Heidelberg-Materials-Chef von Achten sagte der Financial Times, ohne staatliche Unterstützung wäre das Risiko zu hoch gewesen. Das ist eine aufschlussreiche Aussage. Sie zeigt, dass CCS in der Zementindustrie unter aktuellen Marktbedingungen ohne öffentliche Förderung nicht wirtschaftlich darstellbar ist. Das evoZero-Zement-Produkt wird laut Berichten vor allem an nachhaltigkeits-orientierte Architekturunternehmen und Techkonzerne vermarktet. Der einzige bisher namentlich bekannte Käufer ist das neue Nobel-Center in Stockholm. Ein Massenmarkt ist das nicht.

Häufige Fragen zu CCS in der Zementindustrie

Was bedeutet CCS und wie funktioniert die Technologie?

CCS steht für Carbon Capture and Storage. Die Technologie scheidet CO2 direkt am Entstehungsort in Industrieprozessen ab, verflüssigt es anschließend und transportiert es zur dauerhaften Speicherung in geologische Formationen unter der Erde oder dem Meeresboden. Im Fall von Brevik erfolgt die Speicherung in Gesteinsschichten unter der Nordsee über das norwegische Northern-Lights-Programm.

Warum braucht die Zementindustrie CCS, obwohl es erneuerbare Energien gibt?

Die Zementherstellung verursacht rund sieben bis acht Prozent der weltweiten CO2-Emissionen. Ein erheblicher Teil davon entsteht nicht durch Energieverbrauch, sondern durch die chemische Reaktion beim Brennen von Kalkstein, die sogenannte Kalzinierung. Diese prozessbedingten Emissionen lassen sich durch den Umstieg auf erneuerbare Energien nicht vermeiden. CCS ist bisher die einzige Technologie, die direkt an diesem Punkt ansetzt.

Wie weit ist das CCS-Projekt Brevik von seinen Zielen entfernt?

Die Anlage sollte rund 50 Tonnen CO2 pro Stunde abscheiden und jährlich 400.000 Tonnen aus dem Abgas des Zementwerks filtern. Im ersten Betriebsjahr lag die tatsächliche Leistung bei nur etwa 35 bis 38 Tonnen pro Stunde. Hinzu kamen mehrere Stillstände und ein zweimonatiger Totalausfall zwischen Februar und April 2026. Die kumulierte Jahresleistung blieb damit deutlich unter dem geplanten Ziel.

Was ist evoZero und wie verlässlich ist das Klimaversprechen?

evoZero ist der von Heidelberg Materials vermarktete Zement, der mit CO2-Abscheidung aus dem Brevik-Projekt hergestellt wird. Das Produkt wird als Near-Zero-Zement positioniert und an nachhaltigkeitsorientierte Bauprojekte verkauft. Angesichts der tatsächlichen Auslastung der CCS-Anlage im ersten Betriebsjahr ist das ausgewiesene Klimaguthaben pro Tonne Zement mit einem Vorbehalt zu versehen, solange keine verifizierten Jahresdaten für die tatsächlich abgeschiedene Menge vorliegen.

Ist CCS in Deutschland jetzt legal und was plant die Bundesregierung?

Ja. Der Bundestag hat im Januar 2026 den gesetzlichen Rahmen für CCS in Deutschland freigegeben. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche sieht CCS als unverzichtbar für Industrien mit prozessbedingten Emissionen. Heidelberg Materials plant das Projekt GeZero in Geseke mit einer Jahreskapazität von 700.000 Tonnen CO2-Abscheidung. Ob die Probleme aus Brevik bis zum Betriebsstart in Geseke technisch gelöst sind, ist noch offen.

Warum ist Brevik trotz der Probleme kein endgültiger Misserfolg?

Erstanlagen im industriellen Maßstab haben regelmäßig lange Hochlaufphasen. Die grundlegende technische Funktion der CO2-Abscheidung ist in Brevik nachgewiesen. Die Frage ist nicht, ob CCS in der Zementindustrie prinzipiell funktioniert, sondern ob es verlässlich, wirtschaftlich und skalierbar betrieben werden kann. Das erste Betriebsjahr liefert dazu wichtige, wenn auch ernüchternde Daten.

Was bedeutet das Brevik-Projekt für Scope-3-Emissionsbilanzen in Unternehmen?

Unternehmen, die im ESG-Reporting prozessbedingte Emissionen aus eingesetzten Baustoffen erfassen, können CCS-zertifizierten Zement potenziell für ihre Scope-3-Bilanzierung nutzen. Voraussetzung ist jedoch, dass die tatsächlich abgeschiedene CO2-Menge zertifiziert und nachprüfbar ist. Bei einer Anlage, die im ersten Betriebsjahr deutlich unter ihrer Nennleistung und über Monate gar nicht läuft, ist die Datenlage für eine belastbare Bilanzierung noch unzureichend.

Harald M. Depta
Über den Autor
Harald M. Depta
Projektmanager & DEKRA-Fachdozent · energiefahrer.de
DEKRA TÜV NORD HWK BAFA

Unabhängiger Berater, Projektplaner und Fachdozent für Photovoltaik, Elektromobilität, Ladeinfrastruktur, Fuhrparkmanagement und ESG. Zertifiziert durch DEKRA, TÜV NORD, HWK und BAFA. Lehrtätigkeit für TÜV NORD und DEKRA. Inhaber von energiefahrer.de mit Sitz in Sundern im Sauerland.

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